Wenn wir über Helden sprechen, stellen wir sie uns oft unantastbar vor. Wie Statuen, an denen das Leid abperlt. Doch das Leben des Propheten Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) zeichnet ein anderes Bild. Es zeigt uns, dass wahre Stärke nicht die Abwesenheit von Schmerz ist, sondern das Weitergehen trotz des Schmerzes, der einen normalen Menschen in die Knie gezwungen hätte.
Betrachten wir die Fakten, wie sie uns die Biografien – etwa der Versiegelte Nektar – überliefern. Es gab eine Phase in Mekka, die jeden opportunistischen Anführer gebrochen hätte: der Boykott.
Drei Jahre lang wurden der Prophet, seine Familie und sein Clan in ein karges Bergtal verbannt. Man schnitt sie von jeder Versorgung ab. Stellen wir uns das vor: Es war keine spirituelle Einkehr in einem Kloster, sondern ein brutales Aushungern. Die Berichte erzählen uns, dass sie gezwungen waren, Baumblätter und trockenes Leder zu essen, um den Magenkrämpfen zu entkommen. Aus dem Tal drangen nachts die Schreie der hungernden Kinder bis in die Stadt – ein Geräusch, das jedem Vater das Herz zerreißen muss.
Warum tat er sich das an? Wenn es ihm um Status gegangen wäre, hätte ein einziges Wort genügt: „Ich gebe auf.“ Die Elite von Mekka hätte ihn sofort wieder aufgenommen, ihn reich gemacht, ihn geehrt. Aber er wählte den Hunger. Er sah zu, wie seine geliebte Frau Khadija, die einst reichste Frau Mekkas, an seiner Seite ihre Gesundheit und ihr Vermögen für diese Botschaft opferte, bis nichts mehr übrig war.
Kaum war dieser physische Belagerungszustand vorbei, folgte der emotionale Zusammenbruch dessen, was wir heute als das „Jahr der Trauer“ (’Am al-Huzn) kennen. Innerhalb kürzester Zeit verlor er seine zwei wichtigsten Stützen. Abu Talib, sein Onkel, der ihn wie einen Fels vor den Angriffen der Gesellschaft beschützt hatte, starb. Damit verlor Muhammad seinen politischen Schutzstatus. Er war nun „vogelfrei“ in einer Gesellschaft, die nach Stammesgesetzen funktionierte. Und dann starb Khadija.
Khadija war nicht nur seine Ehefrau. Sie war sein erster Anhänger, sein sicherer Hafen, diejenige, die ihn in den Arm nahm, als er zitternd von der ersten Offenbarung kam, und sagte: „Gott wird dich niemals im Stich lassen.“ Als sie ging, verlor er den Menschen, der ihn am tiefsten verstand. Er war nun allein in einem Haus, das einst voller Leben war, und draußen warteten Feinde, die nur auf diesen Moment der Schwäche gewartet hatten.
Und als wäre das nicht genug, trug dieser Mann das schwerste Kreuz, das Eltern tragen können: Er musste seine eigenen Kinder zu Grabe tragen. Nicht eines, sondern fast alle. Er sah seine Söhne im Säuglingsalter sterben, er sah seine Töchter heranwachsen und dann sterben, während er noch lebte. Er wusch ihre Körper, er legte sie in die Erde. Als sein kleiner Sohn Ibrahim in seinen Armen den letzten Atemzug tat, weinte er. Er sagte keine Worte des Zorns, keine theologische Anklage gegen das Schicksal, sondern nur Worte, die von tiefer Menschlichkeit und zugleich absoluter Ergebung zeugen: „Das Auge tränt, und das Herz trauert, doch wir sagen nur das, was unserem Herrn gefällt.“
Hier liegt der Beweis seiner Wahrhaftigkeit. Ein Lügner, der Gott nur erfunden hat, um Macht zu gewinnen, hadert mit seinem „Schicksal“, wenn der Preis zu hoch wird. Er wird bitter. Er fragt: „Wozu das alles, wenn ich doch nur verliere?“ Doch Muhammad (s) wurde durch den Verlust nicht härter, sondern weicher. Sein Herz versteinte nicht, es wurde durchlässiger für das Leid anderer. Er blieb optimistisch, obwohl seine Welt in Trümmern lag. Er betete weiter, nicht aus Verzweiflung, sondern aus einer tiefen, unerschütterlichen Gewissheit heraus, dass das Diesseits nur ein Hauch ist und das wirkliche Treffen noch bevorsteht.
Wer solch eine Kette von Tragödien durchlebt, ohne seine Prinzipien zu verraten, ohne psychisch zu zerbrechen und ohne die Hoffnung zu verlieren, der schöpft seine Kraft nicht aus dem eigenen Ego. Er schöpft sie aus einer Quelle, die nicht versiegt, wenn Menschen sterben. Er schöpft sie aus der Verbindung zum Lebendigen, der nicht stirbt.