Bisher haben wir den Koran wie Architekten betrachtet: Wir haben seine Struktur analysiert, seine rhetorischen Säulen geprüft und festgestellt, dass dieses Gebäude unmöglich von Menschenhand errichtet worden sein kann. Doch ein Gebäude ist nicht dazu da, nur von außen bewundert zu werden. Man muss es betreten. Und wer den Koran „betritt“ – wer sich ihm öffnet –, der erlebt etwas, das sich mit bloßer Linguistik nicht mehr erklären lässt.
Kritiker sagen oft: „Religiöse Texte wirken nur, weil die Zuhörer bereits glauben. Es ist ein Placebo-Effekt.“ Doch die Geschichte des Islam ist voll von Berichten über Menschen, die den Koran hassten, die ihn als „Lügengeschichten“ abtaten, und die dennoch in dem Moment, als sie ihn hörten, physisch überwältigt wurden.
Die eindrücklichste dieser Geschichten ist die von Jubayr ibn Mut’im.
Der Besuch des Feindes
Um die Wucht dieser Begegnung zu verstehen, müssen wir die Stimmung im Raum spüren. Wir befinden uns in Medina, kurz nach der Schlacht von Badr. Es herrscht Krieg. Jubayr ibn Mut’im ist kein Muslim. Er ist ein adliger Götzendiener aus Mekka, ein Feind des Propheten. Er ist gekommen, um über Lösegeld für Kriegsgefangene zu verhandeln. In seinem Herzen brennt kein Glaube, sondern Sorge, Stolz und vielleicht Rachegedanken für seine gefallenen Stammesbrüder.
Er betritt die Moschee des Propheten – damals ein einfacher Bau aus Palmstämmen und Lehm. Es ist Zeit für das Abendgebet (Maghrib). Die Sonne ist untergegangen, die Wüste kühlt ab, es wird still. Muhammad (Friede sei mit ihm) tritt vor, um zu leiten. Er beginnt mit der Rezitation der Sure At-Tur (Der Berg).
Jubayr steht hinten. Er kann nicht weggehen, er muss warten. Er ist gezwungen, zuzuhören.
Der Flug des Herzens
Die Sure At-Tur ist keine sanfte Gute-Nacht-Geschichte. Sie beginnt mit gewaltigen Schwüren beim Berg Sinai, beim geschriebenen Buch, beim besuchten Haus (der Kaaba) und beim überfüllten Meer. Sie baut eine immense Spannung auf, eine Atmosphäre von unausweichlicher Realität.
Und dann kommen die Fragen. In der Mitte der Sure stellt der Koran eine Reihe von logischen Fragen an die Zweifler, die wie Hammerschläge auf das intellektuelle Fundament des Atheismus und des Götzendienstes treffen:
„Sind sie wohl aus nichts erschaffen worden, oder sind sie gar selbst die Schöpfer? Oder haben sie die Himmel und die Erde erschaffen? Nein, aber sie sind nicht überzeugt.“ (Koran, 52:35-36)
Jubayr hört diese Worte. Er ist ein intelligenter Mann. Er weiß: Ich bin nicht aus dem Nichts entstanden. Ich habe mich nicht selbst erschaffen. Also muss es einen Schöpfer geben. Die Logik schnürt ihm die Kehle zu. Doch es ist nicht nur die Logik. Es ist der Klang, die Majestät, die Stimme, die nicht wie die eines Menschen klingt, sondern wie die eines Herolds des Königs.
Als der Prophet den Vers erreicht: „Wahrlich, die Strafe deines Herrn wird eintreffen. Es gibt niemanden, der sie abwehren kann“, beschreibt Jubayr seinen Zustand mit einem Satz, der in die Geschichte einging:
„Es war, als ob mein Herz fliegen wollte.“ (Kada qalbi an yatir)
In einer anderen Überlieferung sagt er: „Das war der Moment, in dem der Glaube zum ersten Mal festen Halt in meinem Herzen fand.“
Was geschah in diesem Moment?
Die Metapher des „Fliegens“ ist tiefgründig. Ein Vogel fliegt, wenn er sich von der Erde löst, wenn er die Schwerkraft überwindet. Jubayr beschreibt hier das Gefühl der Transzendenz. Für einen Augenblick vergaß er, wer er war. Er vergaß den Krieg, das Lösegeld, seinen Stolz, seine Götzen. Sein Herz vibrierte in Resonanz mit der Wahrheit, die es hörte. Es wollte aus dem Käfig seiner Brust ausbrechen, um zu seinem Ursprung zurückzukehren.
Dies war keine emotionale Manipulation durch Musik oder theatralische Schreie. Es war die reine Wirkung des Wortes auf die Fitrah – die angeborene Veranlagung des Menschen, Gott zu erkennen. Es ist, als ob der Koran der Schlüssel ist und das menschliche Herz das Schloss. Egal wie verrostet das Schloss ist (durch Unglauben oder Sünden), wenn der Schlüssel passt und gedreht wird, springt der Mechanismus auf.
Das Zeugnis der Tränen
Jubayr war kein Einzelfall. Wir kennen die Geschichte von Umar ibn al-Khattab, dem harten Krieger, der auszog, um den Propheten zu töten, und der beim Hören der Sure Ta-Ha weinend zusammenbrach. Oder die christlichen Priester von Abessinien, deren Augen von Tränen überflossen, als sie die Sure Maryam hörten, weil sie darin „die Wahrheit wiedererkkannten“.
Der Koran besitzt eine psychologische Eindringtiefe, die Barrieren durchbricht. Er tröstet den Trauernden, ohne kitschig zu sein. Er ängstigt den Arroganten, ohne hysterisch zu sein. Er spricht direkt zum Kern unseres Wesens.
Für den objektiven Beobachter ist das ein weiteres Rätsel: Wie kann ein Buch, das vor 1400 Jahren in einer fremden Kultur entstand, heute einen deutschen Ingenieur, eine japanische Künstlerin oder einen amerikanischen Studenten so tief berühren, dass sie ihr ganzes Leben ändern? Weil es nicht die Worte eines Arabers aus dem 7. Jahrhundert sind. Es sind die Worte dessen, der das Herz erschaffen hat und deshalb genau weiß, welche Saiten er anschlagen muss, damit es schwingt.
Jubayrs Herz wollte fliegen. Und vielleicht spüren Sie, wenn Sie den Koran unvoreingenommen lesen, genau dieses leichte Zittern – das Zeichen, dass die Seele ihre Heimat ruft.