Krieg ist schrecklich. Aber Bürgerkrieg ist schlimmer. Wenn der Feind eine andere Sprache spricht und eine andere Religion hat, ist die Sache einfach. Aber was passiert, wenn auf beiden Seiten des Schlachtfeldes Menschen stehen, die beten, fasten und den Quran lesen? Wenn Gefährten des Propheten auf beiden Seiten stehen? In solchen Momenten herrscht der „Nebel des Krieges“ nicht nur auf dem Feld, sondern in den Herzen. Wer hat Recht? Wer ist der Rebell?
In der verwirrendsten Phase der frühen islamischen Geschichte gab es einen Mann, dessen bloße Anwesenheit auf dem Schlachtfeld die Antwort gab. Er war ein lebender Wegweiser, programmiert durch eine Prophezeiung, die Jahrzehnte zuvor ausgesprochen wurde. Sein Name war Ammar ibn Yasir.
Der Mann mit den zwei Ziegelsteinen
Wir müssen zurückspulen in die glücklichen Anfangstage in Medina. Die Muslime bauten die erste Moschee. Es war harte körperliche Arbeit. Jeder trug Lehmziegel. Die meisten trugen einen Ziegel nach dem anderen. Ammar ibn Yasir, der Sohn der allerersten Märtyrerin des Islam (Sumayyah), arbeitete so hart, dass er zwei Ziegel gleichzeitig trug. Er war staubbedeckt und erschöpft.
Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) sah ihn. Er ging zu ihm, klopfte ihm zärtlich den Staub von den Schultern und sprach Worte, die damals seltsam wirkten, aber von den Anwesenden genau gemerkt wurden:
„Wehe dir, Ammar! Dich wird die übertretende Gruppe (al-fi’ah
al-baghiyah) töten. Du lädst sie zum Paradies ein, und sie laden dich zum Feuer ein.“
Damals lachten die Gefährten vielleicht und dachten: „Wer soll Ammar töten? Wir sind doch alle Brüder.“ Niemand konnte sich vorstellen, dass Muslime jemals gegeneinander das Schwert erheben würden.
37 Jahre später: Die Schlacht von Siffin
Wir springen in das Jahr 657 n. Chr. Die muslimische Welt ist zerrissen. Auf der einen Seite: Ali ibn Abi Talib, der vierte Kalif, Cousin und Schwiegersohn des Propheten. Auf der anderen Seite: Muawiyah, der Gouverneur von Syrien, der Gerechtigkeit für den ermordeten Uthman fordert und Alis Autorität infrage stellt.
Die beiden riesigen Armeen trafen bei Siffin aufeinander. Viele Muslime waren neutral geblieben, verzweifelt und unfähig zu entscheiden, wer im Recht war. Aber Ammar ibn Yasir, mittlerweile über 90 Jahre alt, zweifelte nicht. Er ritt in der Armee von Ali. Als die Kämpfe begannen, rief er laut: „Heute treffe ich die Freunde, Muhammad und seine Gefährten!“ Er kämpfte, bis er fiel. Er wurde von Soldaten aus Muawiyahs Armee getötet.
Der Schock der Erkenntnis
Als die Nachricht von Ammars Tod sich verbreitete, ging ein Beben durch beide Armeen. Die Prophezeiung war berühmt: „Ammar wird von der übertretenden Gruppe getötet.“ Der logische Schluss war zwingend und mathematisch präzise:
-
Der Prophet lügt nicht.
-
Ammar wurde von Muawiyahs Armee getötet.
-
Ergo: Muawiyahs Armee ist die „übertretende Gruppe“ (die Rebellen im Unrecht).
Dieses Ereignis klärte die theologische und rechtliche Lage für alle kommenden Generationen. Es definierte Ali als den rechtmäßigen Kalifen und seine Gegner als Rebellen (die zwar Muslime blieben, aber im Unrecht waren). Sogar in der gegnerischen Armee bekamen Soldaten Angst, als sie hörten, wen sie gerade getötet hatten.
Die psychologische Dimension
Warum ist diese Prophezeiung ein Beweis für das Prophetentum? Ein Hochstapler, der politische Macht will, vermeidet Szenarien, die seine Gemeinschaft spalten. Er prophezeit Einheit und ewigen Frieden. Muhammad (Friede sei mit ihm) aber sah den Riss kommen. Und er installierte – Jahrzehnte im Voraus – einen „Sicherheitsmechanismus“ in Form dieser Prophezeiung. Er wusste, dass seine Gemeinschaft Orientierung brauchen würde, wenn die Welt um sie herum im Chaos versinkt.
Er wusste, dass Ammar nicht im Bett sterben würde. Er wusste, wer ihn töten würde. Und er wusste, dass Ammars Tod – so tragisch er war – als Leuchtturm dienen würde, um Wahrheit von Falschheit zu unterscheiden.
Ammars Schicksal lehrt uns: Die Wahrheit ist manchmal einsam, und sie ist oft schmerzhaft. Aber sie ist nie unerkennbar für den, der aufrichtig sucht.