In unserer heutigen Welt sind wir an die Allgegenwart von Information gewöhnt. Wenn am anderen Ende der Welt etwas passiert, vibriert Sekunden später unser Smartphone. „Breaking News“, Live-Ticker, Satellitenbilder. Wir haben vergessen, wie isoliert der Mensch früher war. Im 7. Jahrhundert reiste eine Nachricht genau so schnell wie das schnellste Pferd. Zwischen der Stadt Medina und dem Dorf Mu’tah (im heutigen Jordanien) liegen etwa 1.000 Kilometer raue Wüste. Ein Eilkurier brauchte für diese Strecke damals mindestens eine, eher zwei Wochen.
Was in dieser Distanz geschah, lag im Dunkeln. Niemand in Medina konnte wissen, ob eine ausgesandte Armee noch lebte oder bereits ausgelöscht war – bis die Überlebenden Wochen später zurückkehrten.
Doch an einem heißen Tag im Jahr 8 nach der Hijra geschah in der Moschee des Propheten etwas, das physikalisch unmöglich war.
Der Blick durch die Wände der Realität
Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) hatte eine Armee von 3.000 Mann gegen die gewaltige Übermacht der Byzantiner nach Norden entsandt. In Medina stieg er auf die Kanzel (Minbar) und rief die Gemeinde zusammen. Die Menschen sahen ihm an, dass er nicht im „Hier und Jetzt“ war. Seine Augen blickten in die Ferne, sein Gesichtsausdruck war ernst, tränenüberströmt. Er begann zu sprechen. Aber er hielt keine Predigt. Er erstattete Bericht. In Echtzeit.
„Zayd hat die Fahne genommen und wurde getötet.“
Eine Pause. Stille in der Moschee. Der erste Kommandant war gefallen.
„Nun hat Ja’far die Fahne genommen… und er wurde getötet.“ Wieder Stille. Der Cousin des Propheten war gefallen.
„Nun hat Abdullah ibn Rawaha die Fahne genommen… und er wurde getötet.“
Drei Anführer. Tot. In exakt dieser Reihenfolge. Der Prophet beschrieb das Gemetzel, während es 1.000 Kilometer nördlich stattfand. Er sah das Blut, er sah das Fallen der Körper, er spürte den Schmerz der Niederlage.
Doch dann änderte sich sein Gesichtsausdruck.
„Nun hat ein Schwert von den Schwertern Allahs die Fahne genommen, und Allah hat ihnen den Sieg (bzw. die Rettung) gewährt.“
Er sprach von Khalid ibn al-Walid, der das Kommando in einer aussichtslosen Situation übernahm und die Reste der Armee durch ein taktisches Meisterwerk vor der totalen Vernichtung rettete.
Die Analyse des Unmöglichen
Stellen wir uns die Situation aus der Sicht eines Skeptikers vor. Ein Mann steht auf einer Kanzel und behauptet, er sehe eine Schlacht, die einen Monat Reiseweg entfernt ist. Das Risiko ist immens. Wenn die Armee Wochen später zurückkehrt und Zayd noch lebt? Wenn Ja’far zuerst gestorben ist und nicht als Zweiter? Wenn Khalid gar nicht das Kommando übernommen hat? Dann wäre der Prophet als Lügner oder Halluzinierender entlarvt. Seine Glaubwürdigkeit wäre dahin.
Doch Wochen später traf die Armee in Medina ein. Die Soldaten berichteten. Und jedes Detail – die Reihenfolge der gefallenen Kommandanten, der Moment der Übernahme durch Khalid, der Verlauf des Kampfes – stimmte exakt mit dem „Live-Bericht“ überein, den der Prophet Wochen zuvor gegeben hatte.
Mehr als nur Information
Dieses Ereignis, bekannt als die Schlacht von Mu’tah, zeigt uns eine Facette des Prophetentums, die über bloßes „Wissen“ hinausgeht. Es ist ein Beweis dafür, dass für den Gesandten Gottes die physikalischen Grenzen von Raum und Zeit nicht absolut waren. Gott, der Schöpfer des Raumes, kann den Raum für seinen Diener „falten“. Für einen kurzen Moment wurde der Vorhang beiseitegezogen. Der Prophet sah nicht mit seinen physischen Augen – die können keine 1.000 Kilometer weit sehen –, er sah mit dem Licht der Offenbarung.
Es zeigt aber auch seine tiefe emotionale Verbundenheit. Er saß nicht kühl in seinem Haus und wartete auf Ergebnisse. Er litt mit seinen Gefährten. Er war bei ihnen, obwohl er körperlich fern war. Als er den Tod seines Cousins Ja’far verkündete, weinte er. Er war ein Prophet, ja, aber er blieb ein Mensch mit einem liebenden Herzen.
Die Prophezeiung von Mu’tah zwingt uns, unsere materialistische Sicht auf die Welt zu hinterfragen. Wenn ein Mensch im 7. Jahrhundert ohne Technik Dinge sehen kann, die für das Auge unsichtbar sind – was sagt uns das über die Quelle seiner Informationen?